Das Deutsche Kabarettarchiv dokumentiert die Geschichte des Kabaretts. Was es war, wurde und ist.
Und sein kann, auch in Systemen der Unfreiheit und Intoleranz.
2008 jährt sich zum 70. Mal das Datum der „Reichskristallnacht“, wie die Nacht zum 10. November 1938 verharmlosend genannt wurde.
Und 75 Jahre liegt der 10. Mai 1933 zurück, der Tag, an dem in Berlin die Bücher brannten; in Mainz brannten sie bald danach, am 23. Juni.
Was politisch-literarisches Kabarett in den Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft trotz allem sein konnte, beschrieb Sebastian Haffner in seinen Erinnerungen, „Geschichte eines Deutschen“:

Es spricht freilich auch ein wenig gegen uns, dass wir mit dem Erlebnis der Todesangst und der letzten Ausgeliefertheit nichts Besseres anzufangen wussten als es, so gut wir konnten, zu ignorieren und uns in unserm Vergnügen nicht stören zu lassen. Ich glaube, ein junges Paar von vor hundert Jahren hätte mehr daraus zu machen gewusst – sei es selbst nur eine große Liebesnacht, gewürzt von Gefahr und Verlorenheit. Wir kamen nicht darauf, etwas Besonderes daraus zu machen, und fuhren eben ins Kabarett, da uns keiner daran hinderte: erstens weil wir es sowieso getan hätten, zweitens, um so wenig wie möglich an das Unangenehme zu denken. Das mag sehr kaltblütig und unerschrocken aussehen, ist aber wahrscheinlich doch ein Zeichen einer gewissen Gefühlsschwäche und zeigt, dass wir, wenn auch nur im Leiden, nicht auf der Höhe der Situation waren. Es ist, wenn man mir diese Verallgemeinerung hier schon gestatten will, überhaupt einer der unheimlichsten Züge des neuen deutschen Geschehens, dass zu seinen Taten die Täter, zu seinen Leiden die Märtyrer fehlen, dass alles in einer Art von halber Narkose geschieht, mit einer dünnen, kümmerlichen Gefühlssubstanz hinter dem objektiv Ungeheuerlichen: dass Morde begangen werden aus der Stimmung eines Dumme-Jungen-Streichs, dass Selbsterniedrigung und moralischer Tod hingenommen werden wie ein kleiner störender Zwischenfall, und selbst der physische Martertod nur ungefähr bedeutet „Pech gehabt“.
Wir wurden indessen für unsere Indolenz an diesem Tage über Gebühr belohnt, denn der Zufall führte uns gerade in die Katakombe, und dies war das zweite bemerkenswerte Erlebnis dieses Abends. Wir kamen an den einzigen öffentlichen Ort in Deutschland, wo eine Art Widerstand geleistet wurde – mutig, witzig und elegant geleistet wurde. Vormittags hatte ich erlebt, wie das Preußische Kammergericht mit seiner vielhundertjährigen Tradition ruhmlos vor den Nazis zusammenbrach. Abends erlebte ich, wie eine Handvoll kleiner Berliner Kabarettschauspieler ohne alle Tradition glorreich und mit Grazie die Ehre rettete. Das Kammergericht war gefallen. Die Katakombe stand.

Der Mann, der hier sein Fähnlein von Schauspielern zum Siege führte – denn jedes Feststehen und Haltungbewahren angesichts der morddrohenden Übermacht ist eine Art Sieg – war Werner Finck, und dieser kleine Kabarett-Conférencier hat ohne Zweifel seinen Platz in der Geschichte des Dritten Reichs – einen der wenigen Ehrenplätze, die darin zu vergeben sind. Er sah nicht aus wie ein Held, und wenn er schließlich doch beinah einer wurde, dann wurde er es malgré lui. Kein revolutionärer Schauspieler, kein beißender Spötter, kein David mit der Schleuder. Sein innerstes Wesen war Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit. Sein Witz war sanft, tänzerisch und schwebend; sein Hauptmittel der Doppelsinn und das Wortspiel, in dem er allmählich ein Virtuose wurde. Er hatte etwas erfunden, was man die „versteckte Pointe“ nannte – und freilich tat er je länger je mehr gut daran, seine Pointen zu verstecken. Aber seine Gesinnung versteckte er nicht.
Er blieb ein Hort der Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit in einem Lande, wo gerade diese Eigenschaften auf der Ausrottungsliste standen. Und in dieser Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit saß als „verstecke Pointe“ ein wirklicher, unbeugsamer Mut. Er wagte es, über die Wirklichkeit der Nazis zu sprechen – mitten in Deutschland. In seinen Conférencen kamen die Konzentrationslager vor, die Haussuchungen, die allgemeine Angst, die allgemeine Lüge; sein Spott darüber hatte etwas unsäglich Leises, Wehmütiges und Betrübtes; und eine ungewöhnliche Trostkraft.
Dieser 31. März 1933 war vielleicht sein größter Abend. Das Haus saß voller Leute, die in den nächsten Tag wie in einen offenen Abgrund starrten. Finck machte sie lachen, wie ich nie ein Publikum lachen gehört habe. Es war ein pathetisches Lachen, das Lachen eines neugeborenen Trotzes, der Betäubung und Verzweiflung hinter sich ließ, und die Gefahr half dieses Lachen nähren – war es nicht fast ein Wunder, dass die SA nicht schon längst hier war, um das ganze Haus zu verhaften? Wahrscheinlich hätten wir an diesem Abend noch auf dem Grünen Wagen weitergelacht. Wir waren auf eine unwahrscheinliche Weise über Gefahr und Angst hinweggehoben.

Sebastian Haffner